Straßenmusik 2 – Simone Buchholz

© Achim Multhaupt

Simone Buchholz

Straßenmusik 2

Nachts in einer fremden Stadt ist es manchmal wärmer, als man denkt. Wir sind zwei Frauen und zwei Männer, haben uns vor vielleicht zwei Stunden kennengelernt. Spontane Bandenbildung. Die drei anderen kennen sich schon lange, die beiden Männer sind alte Freunde, und sie sind Liebeskriegsveteranen. Ihre Frauen haben ihnen Wunden geschlagen, es ist noch nicht lange her. »Vier Wochen«, sagt der eine.
Seine Frau ist mit einem anderen ins Bett gegangen, und jetzt ist sie weg, und er weiß nicht, wohin mit sich, seinem Freund geht es genau gleich.
Die Bande steht in einer Kneipe, die Zwei Zimmer, Küche, Bar heißt, die Bande trinkt sehr schnell sehr viel Wein, zwei von uns trinken weißen, zwei von uns roten, manchmal schütten wir auch was zusammen und teilen und schweißen uns damit aneinander, als wäre es Blut oder Spucke.
Dann geht die Tür auf und es kommt jemand rein, wie das in Kneipen eben so ist.

© Simone Buchholz

»Ein Messer«, sagt der eine Mann, nennen wir ihn M., »ich brauche ein Messer.«
»Alter«, sagt der andere Mann unserer Bande, und er heißt verrückterweise auch M., »das ist der Typ.«
»Welcher Typ?«, frage ich.
»Der Typ, mit dem M.’s Frau ihn beschissen hat«, sagt die andere Frau unserer Bande, sie ist übrigens wunderschön, und sie heißt J.
Wir ziehen alle vier die Augenbrauen zusammen, wir sind eine einzige Monobraue. Man kann Leute aus einem Raum kucken, manchmal funktioniert das, man muss nur böse genug kucken.
»Wird schwierig«, sage ich. Der Typ tut so als wären wir nicht da, der ignoriert uns, der denkt doch echt, er kann uns ignorieren, verdammt, also – ich fange richtig schlimm an zu schimpfen, es ist fast unangenehm.
»Komm«, sagt J., und trinkt ihren Rotwein in einem Zug aus, »komm, wir gehen rüber und brechen ihm das Herz.«
Perfekter Plan.
Wir schleichen uns an.
Als wären wir Katzen.
Dann geht es ganz schnell.
Wir kommen über ihn wie ein Gewitter.
So: Herz gepackt, Herz raugerissen, Herz zerfleischt, unserem Kollegen als Trophäe auf den Tresen gelegt.
Alle beruhigen sich wieder.
Leg dich nicht mit einer gerade gegründeten Bande an. Wenn sie noch heiß auf Siege sind, sind sie am gefährlichsten.

March 2017
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